Münstersche Zeitung 17.02.2009
Und die Hoffnung ist – tröööööt
!
Wahnwitziges Musikkabarett mir Ars Vitalis - Christian Kiel
Am treffendsten wäre es, stünde hier nur: Gehen Sie hin und sehen Sie sich „Ars Vitalis” selbst an. Die „Muzik als Theater” der drei Jazz – Kabarettisten Klaus Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher lässt sich zwar ausgiebig beschreiben, dennoch greifen Worte für Ihre expressionistisch-absurden Auftritte wahrscheinlich immer zu kurz. Sie spielen daher auch in Ihrem Programm „Fahrenheiten”, das das Trio am Freitagabend im Kreativ-Haus darbot, nur eine geringe Rolle.
„Ars Vitalis” sind ein Gesamtkunstwerk. Die drei Männer erschaffen in etwa zwei Stunden eine wahnwitzige Show, bei der sich Wahn und Witz genial die Waage halten. „Fahrenheiten” begann, indem die Künstler nur durch Knarz- und Knackgeräusche aus ihren matschig-schlammfarbenen Zelten auf sich aufmerksam machten. In tiefes blaues Licht gehüllt schien die Bühne wie ein Zitat aus Robert Wienes expressionistischem Filmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari”. Im ausverkauften Kreativ – Haus machte sich Spannung im Publikum breit.
Ein Tag aus einem Ei
Nach und nach krochen die Künstler hervor und taten einzelne Sätze kund. „Ein Tag wie aus dem Ei”, stellte etwa der in pinkfarbenem Licht gleißende Schlagzeuger Klaus Huber fest. „Wie vieles andere ist auch dieser Tag krumm.” Die sublime Komik, die das Publikum prusten, giggeln, kichern ließ, entstand dabei aus Widersprüchen oder unerwartet aufgelösten Spannungen. Mit todernsten, gravitätischen Bewegungen oder nahezu konstant durchgehaltener Sauertopfmiene ( Huber ) präsentieren die Künstler vermeintlich ewige philosophische Wahrheiten. Buddy Sacher: „Alles ist schon da gewesen, und die Hoffnung ist” – tröööt! Peter Wilmanns Saxofon platzte da in den Satz hineine, das Publikim juchzte.
Freejazz und Rock
Überhaupt drückte die Musik der drei Kabarettisten viel mehr aus
als die absurden Episoden dazwischen. Das Trio bewegte sich mit Schlagzeug,
Gitarre und Saxofon zwischen Chansons, Marschrhythmen, Freejazz, Rocksongs.
Dazu kreierten die Musiker unbeschreibliche Klangorgien aus Klebeband, Plastikflaschen
und einer Sammlung obskurer Instrument. Der Programmtitel erwies sich dabei
als ausgesprochen präzise: „Fahrenheiten” drehte sich ums
„Fahren”, ums Reisen, aber auch um Hitze. Die Temperatur diese
Programms ist jedenfalls enorm hoch.
Ein Tag wie aus dem Ei
Becketts Erben: Das Trio Ars Vitalis misst "Fahrenheiten"
HANS-WILLI HERMANS
Es ist so wie immer bei Ars Vitalis: Etwas nimmt seinen Lauf, etwas geht zu
Ende, ohne dass je der endgültige Stillstand einträte. Doch mit
seinem neuen Programm "Fahrenheiten", das am Wochenende Premiere
in der Comedia hatte, bezieht sich das Trio noch expliziter als gewohnt auf
das absurde Theater Samuel Becketts.
Stoische, von der ganzen Last ihres sinnlosen Tuns niedergedrückte Figuren
stolpern hier müde und mit steifen Hüften durch eine endzeitliche
Welt. Die besteht in der Hauptsache aus versifften, bunkerähnlichen Schutzräumen
- und nur noch ein lädierter Teddybär weckt Erinnerungen an Geborgenheit
und Wärme. Vereinzelte Dialogfetzen haben sich fast wörtlich aus
dem "Endspiel" in die Welt der "Fahrenheiten" gerettet.
So die lapidare Feststellung "Es gibt keine Natur mehr", die immerhin
über die Assoziation einer fortschreitenden Erderwärmung mit den
vorausgesagten katastrophalen Folgen den Titel "Fahrenheiten" erklären
könnte. Doch wie bei Beckett geht es um mehr, zelebrieren traurige, im
Slapstick bewanderte Clowns eindringlich den nagenden Zweifel an einer ganzen
Kultur und ihren Ansprüchen auf Sinngebung.
Unerbittliche Verlustmeldungen wie "Sie verlieren ihre Haare, sie verlieren
ihre Zähne, sie verlieren ihre Ideale" zwingen die Reste von Ethik
und Moral gnadenlos mit dem Physisch-Banalen zusammen, und wenn Klaus Huber
sich wie Becketts Hamm an einem erhabenen Monolog versucht, tobt sich die
Suche nach dem Kairos, dem besonderen, entscheidenden Augenblick, beim Anzünden
eines Ölofens aus.
Doch sie sprechen sich Mut zu, diese Aussichtslosen, erschöpft und tonlos:
"Ein wundervoller Tag, ein Tag wie aus dem Ei." Konsequente Recycler
auch als Musiker, greifen sich Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher zwischendurch
"A Night in Tunisia" von Dizzy Gillespie, "When I was young"
von Eric Burdon, einen Tango oder den Swing von Django Reinhardt und lassen
die Stücke mit Saxophon, Gitarre, Schlagzeug und Harmonium erklingen,
als seien sie auf einem Schrottplatz zusammen montiert worden.
Das hat seinen trashigen Charme, und zuweilen gelingt es der klappernden Kapelle
auch, der Musik ordentlich Leben einzuhauchen. Aber dann folgt garantiert
der nächste Absturz, verpasst jemand seinen Einsatz, bricht ein Chorus
brutal ab, verliert sich ein Solo im Nirgendwo. Zwischen Tragödie, Poesie
und Parodie halten Ars Vitalis ihre Kunst meisterlich in der Schwebe, und
wer beim Godot lachen kann, wird es auch hier tun.
Tauber-Zeitung vom 6.12.2007
Ars Vitalis bringt in Niederstetten das Publikum zum Trampeln
Guten Abend, alter Bademantel
Sie stecken alle Genres in die Tasche - Attacke auf den Verlust des Staunens
Das Publikum im fast ausverkauften "Kult"
skandierte, applaudierte, trampelte und zwang Zugabe auf Zugabe heraus, bis
der Kulturamtsleiter, der auch noch lange nicht genug von Ars Vitalis hatte,
dann doch Erbarmen zeigte und schlicht das Saallicht anmachte.
NIEDERSTETTEN Achtung, sie kommen. Achtung: schon sind sie da. Oder doch nicht? Bei Ars Vitalis weiß man das nicht. Sie auch nicht. Das ist Berechnung, Absicht und Verwirrung. Vielleicht haben sie sich verirrt? Dann sind sie richtig. Schließlich kommt die Hitze von oben, und Ars Vitalis schleppt sich schweratmend bis zur Hyperventilation ab mit Koffern, obwohl das Zelt schon lange steht, auch wenn das jeder Mär von Schwerkraft widerspricht.
Klingt wirr? Dann stimmt's, denn Ars Vitalis ist schlechthin Attacke auf
Korrektheit, Schublade und den Verlust des Staunens. 1979 haben sich Klaus
Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher verschworen zur selbstgemachten Tücke
des Objekts, Blutsbrüderschaft geschlossen gegen alles, was Grenzen setzt,
sich selbst und ihre Könnerschaft auf Drums, Trompete, Tuba, Saxophon
und Klarinette, Trompete, Mandoline, auf Blasebalg, Pusterohr und Koffer gestaltet
zum Gesamtkunstwerk wider alle Genregrenzen. Stoisch und staunend, starrend
und stumm: mit Gestik, Mimik, Körpersprache, Geräusch, Musik - nein,
halt: Muzik! - und surreal-bizarrem Humor nehmen sie sich die Freiheit, künstlerische
Freiheit so ernst zu nehmen, dass sie sich selbst von ihr befreien und gleich
das Publikum dazu. Da schneit die Klarinette in den Ruf des Muezzins hinein,
erzeugt das Horn höchst eigenartige Sandgeräusche, pusten sie selbst
als Winde lokal und ganz global rundrum und über sich hinaus; da bearbeitet
Klaus Huber die Drums schon mal mit dem Handfeger, da greift ihm Peter Wilmanns
einfach mal ins Schlagwerk und da ist - am "grode See" - über
allen Wipfeln Ruh, kippt unversehens Ernst und Heiterkeit in mephistophelisch
drohendes Gelächter: Warte nur, balde...
Das Trio konferiert in weltweitem Kauderwelsch, das sich in Japan ebenso bewährt
wie in Niederstetten, in Frankreich wie in Mexiko, in Kanada genauso gut wie
in Australien. Man sollte sie bei der Uno einstellen, diese drei: die würden
selbst erbittertste Gegner dazu bringen, sich prustend um den Hals zu fallen.
Die Mimik, Gestik, Körpersprache ist international - und international absurd, somit perfekt verständlich. Dazwischen Ohrwurm-Weltmusik von Jazz bis Polka, vom Tango bis zum Bluesrock, vom Popsong bis zum schottischen Clansong, das alles so perfekt, dass ihre irr- und aberwitzigen Weiterführungen - infernalische Balanceakte zwischen Perfektion und scheinbarer Improvisation - das Publikum ins Schlingern bringen. Die Lachmuskeln entwickeln Eigenleben, die Ohrmuscheln scheinen zu kreisen, denn zwei davon genügen einfach nicht, um mitzukriegen, was die drei Herrn im Knautschanzug da alles treiben.
Guten Morgen, liebes Badezimmer - und guten Abend, alter Bademantel: Im Kampf der Klänge und Ideen, der Worte und der Wortlosigkeit hat der Alltag mit all seinen Tücken ebenso viel und ebenso wenig Platz wie die philosophische Tiefgrabung, ist höherer Blödsinn in Rein- und Reimkultur angesiedelt. Das Metronom spielt mit und taktet eine Combo, die vor nichts zurückschreckt, sich auch mal ganz schön weit weg von der Musik bewegt und gurgelt - mit Rotwein, selbstverständlich.
Ars Vitalis steckt alle Genres in die Tasche und macht sich einen Spaß daraus, das Publikum kreuz und quer und in ständig wechselnden Umlaufbahnen um die Welt zu jagen, es durch alle denkbaren Musikszenen zu hetzen und durch ein paar undenkbare noch dazu, um zum Schluss wieder bei den "einfachen Dingen" zu landen. Aber Vorsicht: "Verstehen Sie mich jetzt nicht richtig!"
Wie schnell doch so ein Feuerwerk von Lyrik- und Musikverballhornung vorbei ist! Man mag's nicht fassen: das sollen zwei Stunden fast gewesen sein? Schluss, aus, vorbei? Wie schade. Viermal gastierten sie schon hier. Bleibt nur zu hoffen, dass sie trotz kommunalem Sparzwang wiederkommen.
INGE BRAUNE
...Auch nach 27 Jahren bleibt Ars Vitalis das Maß der Dinge in Sachen l’art
pour ’art, eine Oase für die von Ernst und Bedeutung Verfolgten, ein süchtigmachendes
Remedium gegen die Aufdringlichkeit der Realität. Man muss nur die entsprechenden
Rezeptoren anwerfen und wird für immer verwandelt sein.
Süddeutsche Zeitung,
28.02.2007
...Der Titel ihres neuen Progamms passt perfekt zur Großwetterlage: mit "Fernwehen"
trifft Ars Vitalis in der Comedia sowohl zielgenau in die meteorologischen
Gegebenheiten als auch ins sturmerprobte Humorzentrum der Zuschauer. Wie man
es von den drei Herren Huber, Sacher und Wilmanns gewohnt ist, gibt es keine
halben Sachen. Sicher ist es zu kurz gegriffen, würde man das Treiben des
Trios auf seine parodistischen Züge reduzieren. Schließlich dienen die Vorlagen
dazu, eine ganz neue "Muzik" zu Gehör zu bringen. "Es gibt viel Wunderbares",
heißt es da, während Buddy Sacher mit seiner unnachahmlichen Mimik das Hereinstürzen
der Winde visualisiert und Huber betont, dass er gerne mit älteren Menschen
arbeitet, was gewiss auch den musikalischen Einsatz eines Laubsaugers rechtfertigt.
"Verflogen die Vögel der Jugend, verweht die Astern des letzten Herbstes",
steht als Motto über dem nachhaltig wirkenden Abend, der zeigt, dass auch
das größte Tohuwabohu bis aufs i-Tüpfelchen stimmig sein kann.
Kölner Stadtanzeiger, 23.01.2007
tz vom 27.04.2004
Die Dompteuere de Irrsinns
"Ars vitalis" feiert 25-jähriges im Münchner Lustspielhaus
Der vorvorletzte Ton
Ars Vitalis im Münchner Lustspielhaus
"Long, long ago" singen die drei älteren Herren in Anzügen so breit, als pielte man eine Single mit 33 1/ 2 statt 45 Umdrehungen ab, und mit Mienen, die kaum merklich zwischen lasziv und hochzerknirscht variieren. So begehen Ars Vitalis ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum im Münchner Lustspielhaus.
Auch. Der Abend ist einer der verschiedenartigsten Extreme: Frei nach der
Devise "I am simple, you are simple, life is simple, too" entladen sie ihren
Fantasieüberschuss in Gesichtern, Stimmen und unkonventionell gespielten
bis gebauten Instrumenten, in einer grotesken Dada-Collage.
Ars Vitalis schreiben die deutsche wie die tonale Sprache neu, kürzen
sie auf weniger als das Notwendigste (und selbst das nur, wenn man ein Auge
zudrückt), mit einem Selbstverständnis, als habe es vitalitätsbedingt
ihr Arzt empfohlen. Dieses Rezept bringt ihnen eine schnelle Linderung akuter
Symptome von Normalität, dem Publikum aber tiefe Runzeln auf die Stirn
und starke Schmerzen im Lachmuskelbereich.
Durchgehend wirken sie wie Amateure, die zum eigenen Playback den Mund bewegen.
Doch trotz aller Neuschöpfungswut ist zu verstehen, was die drei sagen
oder nicht sagen wollen, zu hören, dass die musikalische Qualität
sich - auch in konservativen Ohren - auf hohem Niveau befindet. Ars Vitalis
ist die Kunst des Simulierens des Simulierens. Understatement der feinsten
Art. "Die Zeit ist ein Hase", philosophieren sie mal eben in den Raum hinein,
und während der Zuschauer noch zweifelt, hat mindestens einer der drei
grundverschiedenen Originale sich schon wieder an einen anderen Gedanken
angeschlichen. Schließlich muss die rücksichtslose Abwechslung
in den musikalischen Zitaten zwischen leisem Rotlicht-Gesäusel, klagenden
Klezmer-Klängen und ohrenbetäubendem Blech-Rap gewahrt werden.
Auch symbolisch verzichtet das Trio auf den letzten, abschließenden
Ton: Die zu feiernde 25 schreit nach einer nächsten, und es ist höchste
Zeit für die Jim-Henson-Company, zu den zwei Alten aus der Muppet-Show
einen dritten hinzuzudichten.
Teresa Grenzmann
Ruhr-Nachrichten vom 10.03.03
Traurige Manner, voll stürmischer Originalität
Drei schräge Vögel: Ars Vitalis
Die Bühne schlummert im Halbdunkel. In die Stille hinein schwelt der schwere, flehende Gesang alter Männer. Schulter an Schulter hocken sie auf der Rampe und schaukeln hin und her. Bedächtig, wie ein ächzender, klappriger Kahn bei rauher See.
Drei Männer mit grauen Anzügen und strähnig gekämmtem Resthaar weckten in der Kleinkunstreihe am Freitag die Lebensgeister im vollen Giebelsaal. "Ars Vitalis" erzählte eine groteske Ballade rund um die "grode See". Voll liebenswürdigem Charme. Voll subtilem Humor. Voll stürmischer Originalität.
Meisterhaft spielen die Herren auf der Klaviatur des Seltsam-Skurrilene: Manchmal gleichen Sie den singenden Cartoon-Figuren eines Vicco von Bülow alias Loriot: Den Kopf in den Nacken geworfen, die Lippen geschürzt, den Blick andächtig in höhere Sphären geschwenkt. Dann wieder erinnem sie an die traurige Tanzkapelle eines noch viel traurigeren Vergnügnungsdampfers. Die Hüften wippen steif und ungelenk. Die Finger schnippen unrhythrnisch zum Takt. Und als sei das noch nicht stimmungsvoll genug, baumelt an der Bühnenwand ein schwarzer Ballon. "Wat mut, dat mut." Großartig bizarr.
Doch das ist erst die schrullige, äußere Verpackung für ein furioses Musikkabarett. Tief drin in den wunderlichen Käuzen stecken geniale Musikalität und schier unendlicher Erfindungsreichtum. Rock, Jazz, Blues und Folk fügen die Herren mit dem spießigen Zweireiher virtuos aneinander und fahren dabei mehr als nur einen Orchestersatz an Instrumenten auf: Saxophon, Hom und Fagott, Mundharmonika, Heimorgel und Ukulele, Schläuche, Rasseln und Zwecken: Ars Vitalis würde wohl aus einem Kühlschrank noch Musik 'rausholen.
Zwischendrin treiben die Gewinner von Deutschem Kleinkunstpreis und Prix Pantheon das absurde Theater auf die Spitze. "Ist mein Hund schon fertig?" - "Ihm fehlt noch ein Bein." Solcher Widersinn ist amüsantes Zwischenspiel zwischen irrsinnig gutem Musiktheater. Und dann wieder diese Melancholie: "Eines schönen Tages ging das Meer an Land ..." Gott sei Dank, sonst hätte es Ars Vitalis wohl nicht gegeben. - sit
Anneliese Euler,
Irrgarten, in dem reale Instrumente irreale Musik spielen
Stellen alltäglichen Kabarettbetrieb auf den Kopf: Trio Ars Vitalis mit
»wiese seen sehnse nix« in Aschaffenburg
Wichtig ist, sich der Magie zu überlassen und den Verrücktheiten,
den Tönen und Wörtern, die nichts sagen und die einen übertölpeln
mit ihrem Zauber und dabei so viel Nonsens trompeten, dass die Bedeutungsschwere
sich von selbst auflöst. Absonderlicher Kram ist das alles, ein Irrgarten,
in dem Türen von Sinn und Unsinn auf- und zuschlagen und reale Instrumente
irreale Musik spielen: »wiese seen sehnse nix«! Wohl wahr, was
die Herren Huber, Sacher und Wilmanns von Ars Vitalis ihrem Programm im Aschaffenburger
Hofgarten vorangesetzt haben.
Nur Fetzen werden wahrgenommen, und kaum will man den Sinn erhaschen, hat
er sich schon davongemacht. Das ist gekonnt verwirrend und lässt den
sich um Pointen abrackernden alltäglichen Kabarettbetrieb Kopf stehen,
dafür aber DADA fröhliche Urständ feiern. Die drei Herren
und das sind sie wirklich mit ihren gedeckten Anzügen und den gemessenen
Bewegungen - nehmen alles tief und ernst, was sie tun.
Der eine mit intellektuellem Gehabe spricht in einer Sprache, in der die
letzte Lautverschiebung vergessen wurde und die darum sehr zu Herzen geht
mit ihrer urwüchsigen Emphase. Der Zweite erscheint wie ein überdimensionierter
Waldschrat, in dem aller Zauber dieser Welt wohnt und der Dritte ist ein bekümmerter
Gesichtsträger, der mit Akkuratesse die Melancholie streichelt. Sie
treiben gemeinsam die kindischsten Dinge, lassen einen kleinen Plastikvogel
am Schlagzeug picken, nehmen mit Brummkreisel und Kleiderbügel Kampfstellung
ein, heulen wie aus dem Erdinneren und lauschen bekümmert in ihre Texte.
Nichts passt zusammen in dieser Collage und doch alles.
Zärtlich wird das »Eulen, ja, ja« von Ernst Jandl gestreichelt,
dass man jedes einzelne Federchen zu spüren meint. Der Hund ist noch
nicht fertig, der Mond weit und die Woge aus Blei. Begriffe und Melodien
jonglieren miteinander, blasen sich theatralisch auf und schmelzen zu Winzigkeiten
zusammen. Soli machen sich auf und kommen nicht weiter mit dem einzigen Ton.
Atonales fällt über Melodien her. Wortreigen brechen los mit unverständlichen
Versen, Geschichten fangen an, lösen sich auf und tauchen irgendwann
mal wieder auf mit einem einzigen Satz, einem einzigen Wort. Das Schlagzeug
pendelt vor sich hin, um dann mit Wut behämmert zu werden und sich auf
der Höhe minimiert hinauszuschleichen und in die Stille zu lauschen.
Ganz absurd ist das alles und voller Poesie.
Irgendwann ertappt man sich dabei, dass man ungläubig den Kopf schüttelt
und ein versonnenes Lächeln auf dem Gesicht spürt. Warum? Vielleicht,
weil immer etwas ganz anders passiert, als man erwartet, und die drei Verrückten
einen längs an die Hand genommen haben und man ihnen gebannt folgt bei
dem eigenwilligen
Treiben.
Aber bloß keinen Sinn suchen: Auch nicht in Sätzen wie »Die
Menschen werden in die Welt gevögelt, können aber nicht fliegen«.
Da kann man sich feste was bei denken. Auch bei »Ich halte stets den
Kopf nach oben, damit die Tränen nicht auf die Erde fallen«. Bloß
nicht Trübsal blasen, denn der Hund ist noch nicht fertig. Viel besser
ist es, das Panorama des nachlässig gespannten Lakens als ein Riesengebirge
anzusehen, in dem manchmal der Mond hängt, der Schrat mit Glühwürmchen
winkt und die drei aus der Welt gesprungenen Irren uns hineinlocken in ihr
krachendes, tobendes, chaotisches, zärtliches Nirwana: »Na dann«,
sagen die drei zum Schluss, »machtetjut!«
Rhein-Neckar-Zeitung 25.09.2000
Von der Schönheit des schrägen Gehens
"Sitze rum, mache bumm": Das Kabarett-Jazz-Trio "Ars Vitalis" im Heidelberger
Karlstorbahnhof
von Franz Schneider
1995 gab es den Deutschen Kleinkunstpreis für drei Herren aus dem
Großraum Köln namens Huber, Sacher und Wilmanns, die ihre kleinen
Künste als "Ars Vitalis" bezeichnen. Jetzt kamen sie auch einmal in den
Saal des Karlstorbahnhofes. Dort froren sie auf der Bühne. Denn diese
glich einem Theater-Eis-Meer, kaltes Linnen fröstelt in seiner schmutzigen
Weiße, eine Scholle scheint dahinzutreiben und ähnelt dabei einem
auf die Seite stellten Klavier, das man sorgsam verhüllt hat. Aber es
ist das Schlagzeug. Das Eingangsszenario passt; denn danach demonstriert
»Ars Vitalis«: Musik ist es dann, wenn es nicht so klingt, wie
es klingen soll. und ein Text ist ein Text, wenn die Sätze nicht so
folgen, wie es logischerweise sein müsste.
Klaus Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher inszenieren die ständig
nicht gelingende Probe eines Jazz-Trios. Sie bilden mit ihren dezenten Anzügen,
die ihre Körper uniformieren, auf dass ihre Köpfe nur noch umso
charakteristischer draufstecken, eine Einheit, die sich aus kleinen Nuanciertheiten
ergibt. Buddy Sacher etwa ist als Jazz-Musiker, also dann, wenn er sich seiner
ernsthaften künstlerischen Intentionen erinnert, Gitarrist, der schöne
Blues- und Swing-Phrasen beherrscht. Wenn er nicht spielt, ist er ein Passionist
des Weltschmerzes, ein Bewanderer schräger Flächen, der davon schwärmt,
wie schön das Gehen darauf sein muss. Dann öffnen sich seine Augen
kinderweit und sein Mund stößt nach vorne ungläubig wie ein
Fisch auf dem Trockenen.
Peter Wilmanns ist ihm gegenüber der gescheiterte Rationalist. Er, ursprünglich der Saxofonspieler, ist ein Virtuose des In-die-Leere-Laufens. Wenn er sich schafft, schaffen und raffen es die anderen beiden nicht, wenn er die Band zusammenhalten will mit seinem strengen Fingerzeig, fällt sie erst recht auseinander. Zumal immer von hinten Klaus Huber dreinschaut. Er wirkt wie ein Max Schmeling, der sich verjüngt hat, weil er im Jenseits Elvis Presley traf: buschige Augenbrauen, markante Ohren an einem Riesenschädel. Mit der Tücke seines Instruments kämpft er geschmeidig wie ein Tiger, wie er überhaupt mit jedem Objekt kämpft. Sein Elend als Tourneekalender-Drummer ist das Credo der exemplarischen Seinsgeworfenheit des Künstlers: »Sitze rum, mache bumm, sitz'ich nicht, fall ich um!« Doch dann steht er auf, singt sich schepp und animiert das Publikum, ob es denn seinen Herzschlag hören wolle, also das rhythmische Geräusch eines Blasebalgs.
Die lebendige Kunst des Trios ist eine der Tonerzeugung mit Hilfe der Ironie. An Hubers Becken hängt ein kleines Schellchen, zu klein für einen finalen Schlag darauf. Anderes wiederum ist zu groß, wiederum anderes eigentlich zur Lauterzeugung gar nicht zu gebrauchen, also darum am besten geeignet für die Kunst, ein gängiges Jazz-Schema in Stücke zu schlagen, damit sich daraus ein Geist hervorbringt, der sich bei "Ars Vitalis" in so wundersam überzeugend platzierten Effekten zum Klingen bringt. Das Geräusch knisternder Gummihandschuhe korrespondiert mit dem Zwitschern eines Vogels im Käfig, der, wenn man ihn kräftig schüttelt, wie eine Quetschkommode sich anhören kann, darauf man doch dann lieber gleich eine solche hervorzaubert, im Riesenformat natürlich, eine mit präzise akzentuierten Details visualisierte Klang-Kunst-Kette.
Das Karlstorpublikum erkannte ruck, zuck! die musikalischen und auch literarischen
Qualitäten der Drei. Man wagte, auf ihrer Schräge entlang zu promenieren,
auf dass man auf ihr zuletzt in einen Strudel der Begeisterung hineinglitt.
Hartmut Zitzen, Kölner Stadtanzeiger vom 5.4.2001
Vom Absurden des Glücks
Ars Vitalis mit neuem Programm "wiese seen sehnse nix"
Typisch Ars Vitalis: Mit falschen Versprechungen wurde das Publikum
am Dienstagabend zur Vorpremiere in den nahezu ausverkauften Lindenhof gelockt.
"wiese seen sehnse nix" heißt das neue Programm, bei dem es natürlich
eine ganze Menge zu sehen, zu hören und zu staunen gibt. Klaus D. Huber,
Peter Wilmanns und Buddy Sacher erwiesen sich dabei einmal mehr als Meister
nie zuvor vernommener Zwischen-, Neben- und Untertöne, die das fassungslos-faszinierte
Auditorium durch gezielte Irreführung aufs richtige Gleis leiten.
Wie von einem furchtbaren Schicksal geschlagen kommen sie in geisterhafter
Bühnenbeleuchtung als abenteuerlich verbogene und gekrümmte Gestalten
daher, die Dürrenmatt'schen Albtraumphantasien entsprungen scheinen.
Greifen dann zu rätselhaften Gegenständen, die unter ihrer Kunstfertigkeit
zu Instrumenten werden, auf denen der eine diesen, der andere jenen Ton entdeckt.
Licht und Schatten, Sprache und Geräusch, Gestik und Mimik verschmelzen
schließlich zu einem fortwährenden Drama, dessen Höhepunkte,
wundersam-widerspruchslos, zutiefst tragisch - und brüllend komisch
sind. Was den tröstlichen Gedanken nahe legt, dass auch das größte
Glück nur eine menschliche Absurdität ist.
Selbst sinnfreies Friesenplatt, von Wilmanns mit entsprechendem Pathos
vorgetragen, legt dem Publikum tiefschürfende Weisheiten nahe. In weit
vorgebeugter Haltung gerät Huber derweil mit dem Kopf zwischen die Beine
von Sacher und preist solchermaßen - buchstäblich als Arschgesicht
- den aufrechten Gang als größten Vorzug der Menschen. Und ganz
nebenbei schlägt das Trio während dessen atemberaubende Spannungsbögen
durch instrumental gesetzte Kontrapunkte - mal hoch, mal tief so wie das
Leben selbst. Die Mienen der Künstler spiegeln dazu (un-)passend tiefste
Besorgnis, größtmögliche Blasiertheit oder vollkommene Verständnislosigkeit.
Umsonst gibt's das Vergnügen am Genie von Ars Vitalis also nicht.
Die Künstler erwarten von ihrem Publikum die Fähigkeit, mit scheinbar
unüberbrückbaren Gegensätzen leben zu können. Wer das
schafft, kann auch mit Depressionen kommen und wird zum Lohn dafür mit
einem innerlichen Grinsen entlassen, das für die nächsten paar
Tage anhält.
PETER CLAUS Radio 1 27.04.99
A sentimental journey
In die wüste Welt verquerer Töne und Geräusche versickert
das Spiegelzelt in einen surrealen Äppelkahn vertrackter Träume.
Liebenswert versponnen und versonnen watscheln da drei bettpfannen-reife Herren
durch ein von ihnen selbst geschaffenes Universum; die Sterne quietschen manchmal
traurig, entfalten dann Sirenengesänge, jazzen woody allen'sch. Als
Sättigungsbeilage zum Menue akustischer Leidenschaften, Textfetzen von
der Batterie des Fleisches, Quer- und anderen Schlägen aus jenem Raum
der Stille, der von 300 Buchhaltern verwaltet wird. Kafka meets Gershwin -
eine köstlich-kuriose Melange.
Die drei erstklassigen Musiker zaubern, jonglieren, griffeln auf klassischen
Instrumenten wie Saxophon, Gitarre, Schlagzeug, würzen mit Prusten, Fingerschnippen
Kreisch - Grunz - Stöhn und scheinbar unendlich vielen anderen Tonträgern.
und -erzeugern. Was entsteht, das ist vielleicht eine Symphonie der Großstadt
- verklärt morgens um fünf beim Schneeflocken-Walzer -, vielleicht
aber auch das Muhen einer Kuh, die zuviel Frischgras gefressen hat - vielleicht
beides und mehr, auf jeden Fall ist es höchst anspruchsvolle Unterhaltung,
für alle zum Beispiel, die orange hören - und ne kräftige
Krümelage Pfeffer im Ohr haben, selbstgeblasen, selbstverständlich.
...
Aber Achtung! Phantasie nicht anschnallen. Losgelöst von allen Konventionen
ist der Genuß am kräftigsten und plötzlich siehst du, wie
Töne zu Bildern werden, wie da etwa Fellini sich in Marilyn verwandelt,
die grad noch Doktor Schiwago war, oder Robert Schumann seine schönsten
Melodien obduziert.
Wunderrrrrbaaarrrrr! Ein Flamenco der Lust im schmissigen Bossa-Nova-Rhythmus
mit ekstatischem Tango-Schmacht-Schmelz samt Rolling-Stone-Hype.
Noch einmal: Wunderrrbarrr!!!!!
Uwe Sauerwein, BERLINER MORGENPOST, 29.4.99
Jazz mit Schlappen
Ars Vitalis spielt "Muziques Con Crêtes" in der Bar jeder Vernunft
"Ich sitze an den Drums und mache Bums" sinniert Klaus D. Huber trübselig
hinter der Schießbude. Nur wie er diesen "Bums" erzeugt und welches
Mienenspiel er dazu aufsetzt, das macht dem Perkussionisten von Ars Vitalis
niemand nach. Da wird der "Besen" für die ruhigen Jazz-Weisen kurzerhand
durch zwei Handfeger ersetzt, und auch die guten alten Hausschuhe können
durchaus für ein virtuoses Schlagzeug-Solo herhalten. Denn: "Wenn wir
Erfolg haben wollen, müssen wir zu allererst lernen, mit unseren Schlappen
umzugehen."
Fast genau sieben Jahre ist es her, daß die Bar jeder Vernunft mit
Ars Vitalis ihren Einstieg in die Berliner Kleinkunstszene feierte. Die Rückkehr
des Kölner Trios ins Spiegelzelt kommt einem Heimspiel gleich. Trotz
des neuen Programmtitels "Muziques Con Crêtes" sind die drei Herren
mit ihren abgetragenen Anzügen und der Pomadenfrisur dem früheren
Motto "Muzik als Theater" treu geblieben. Wieder wird ein absurdes Stück
geboten, in dem Alltägliches zu Musik wird und umgekehrt. Eine wüste
sprachliche und klangliche Mischung, die irgendwo zwischen Dada und Surrealismus,
zwischen Jandl, Strauß, Marthaler sowie Charlie Parker und deutschem
Volksgut anzusiedeln ist. Bar aller Genregrenzen eine so fulminante wie komische
Show, die Banalität zur Kunst erhebt - und dabei doch selbst hochartifiziell
ist.
Denn um Jazz zu parodieren, muß man ihn auch wirklich spielen können.
Und daran hat man bei Buddy Sachers irrwitzigen Gitarrenläufen sowie
Peter Wilmanns Soli auf Saxophon und Klarinette ebensowenig Zweifel wie bei
Klaus D. Huber, der nicht nur trommelt, sondern auch als Trompeter einem
Miles Davis alle Ehre erweist.
Genau deshalb erzeugt es Lachsalven, wenn ständig ein Einsatz verpaßt
wird, wenn das Stück aus den Fugen gerät, weil angesichts überbordender
skurriler Einfälle jeder dem Kollegen das Wasser abgräbt oder ihn
gar ins offene Messer laufen läßt. Selten finden Albernheiten
auf solch hohem intektuellen Niveau statt.
FOLKHARD OELWEIN Süddeutsche Zeitung 23.2.98
Geschäftsführer des Chaos zelebrieren die
Pleite
Die drei Rückwärtsdenker von "Ars Vitalis" werden im "alten Kino"
vom Publikum gefeiert
Ebersberg - "Zweimal zehn Minuten Pause!" verkündet Peter Wilmanns
nach der ersten Stunde, und beim Aufstehen und Beinestrecken trifft's einen
wie ein kurzer Genickschlag: Warum nicht einfach 20 Minuten? Und das ist der
Moment, in dem man "Ars Vitalis" langsam begreift. Die drei Manager des Irrsinns
in knapp sitzenden dunklen Anzügen - Klaus Huber, Buddy Sacher und Peter
Wilmanns - haben im "alten Kino" auf Gitarre und Klarinette mit einem Alptraum
inbrünstiger, nach Lavendel und gestärkten Hemden riechender E-Musik
begonnen - Konfirmanden beim Abschlußkonzert der Jugendkantorei - und
die ganze quälende Weihe sofort mit Griffelkreischen auf einer Schiefertafel
zerschrillt.
Sie reißen eine Bebop-Phrase oder ein paar Takte Free Jazz an - auf
noch zugedecktem Schlagzeug, mit Miniventilator über der eingewickelten
Gitarre, mit Tuberkulosehusten und Scatsong durch vor den Mund gebundene Spitztüten
- und die ganze angestrengte Esoterik von Generationen avantgardistischer
Jazzusiker und Neutöner fliegt auf den Müll.
Sie halten einen Rohrkrümmer als Megaphon über das Rauschen einer
sich im Glas auflösenden Brausetablette, sie lassen mitten im flüssig
gespielten Set einen kleinen Fallschirm aus der Fahrradpumpe ploppen. Sie
nehmen einer Bühnenrezitation die Worte weg und ziehen ihrer Gespreiztheit
mit Mimik, Plappern und Grunzen die Hosen runter. Eine gefühlvolle Rumba
zerplatzt noch im Ohr, wenn man plötzlich den Schlagzeuger wie einen
pensionierten Latino spielen sieht - mit Handfeger und Kehrichtschaufel -
und einen Paso Doble zelebrieren sie mit so grauenhaft genauer Tanzstundenanstrengung,
daß man auf den schrecklichen Verdacht kommt, so könne jeder Idiot
spielen: "I am simple, you are simple, life is simple too!"
Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Man braucht nur zu erleben, wie
die drei vor dem nächsten Musikstück ihre riesigen Notenblätter
angestrengt studieren, umdrehen, falten, zerknüllen oder auf's Knie dreschen,
wie gerade aus diesen Geräuschen ein flotter synkopisierter Rhythmus
entsteht - dann weiß man, daß hier erstklassige Dompteure des
Chaos auf der Bühne stehen, die durch winzige geistige Seitensprünge
feste Erwartungsmuster zerstören und Absurdität in Sprache, Musik
und Theater herstellen: "Seltene Tiere durch seltene Gegenstände springen
lassen statt häufige Tiere durch häufige Gegenstände!" (Peter
Wilmanns).
Ob sie mit Notenblättern Musik machen, mitten in der Aufführung
die Bühne abbauen oder vom Kollegen den Kammerton "O" verlangen: "Ars
Vitalis" denkt rückwärts, assoziiert in der verkehrten Reihenfolge,
hat falsch aufgedampfte Halbleiter im Gehirn und legt mit unerbittlicher Konsequenz
des Irreseins den Gedanken an ein irres Sein nahe.
Das ist Mikrobenkunst, geboten von todernsten Geschäftsführern des
Chaos, exzellenten Musikern, glänzenden Mimikern und perfekten Pointenmanagern,
die jede Ordnung in die Pleite führen und dabei sogar die Lichttechnik
akribisch genau einsetzen.
Der scheinbar planlose und doch so wunderbar vernetzte Müll sprachlicher
und musikalischer Versatzstücke begeisterte das Publikum im brechend
vollen "alten Kino" bis zum Trampeln, und auf der Heimfahrt war man versucht,
statt mit den vorgeschriebenen 50 Stundenkilometern zweimal mit 25 Stundenkilometern
durch die Ortschaft zu fahren. Oder mit der Musikkassette einen Walzer auf
die Antenne zu trommeln. Aber es guckt ja kein Schwein.
Anna-Bianca Krause, DIE ZEIT
Wieder auf Tournee: Ars Vitalis, drei Musiknarren, verkordelt in göttlichem Spiel
Das Urbrummen, in Hochform
Karg wirkt die Bühne in der Comedia Colonia. Ein ehemals weißes
Laken, das sich wie ein Segel aufbläht. Der Lärmpegel im Saal erinnert
eher an ein Wirtshaus. Dann ein Schlurfen, Männer in abgetragenen, zu
knapp gewordenen Anzügen und mit schwerwiegender Pomade im Haar treten
auf und setzen sich: erst einer, dann zwei, drei. Umständlich greifen
sie zu ihren Instrumenten, werfen sich den einen oder anderen Halbsatz zu,
als seien sie ganz unter sich. Dann spielen sie, ernsthaft, eine Komposition
aus dem Jahr 1954, direkt vom Blatt (angeblich). Doch tatsächlich wird
daraus eine Parodie auf die esoterischen Rituale Neuer Musik, auf das elende
Orchestermusikerdasein: einzelne Töne, feierlich angeblasen, gezupft
und geschlagen. Brausetabletten , aufgelöst; Trillerpfeifen, Gartenschläuche,
Keksdosen und Abflußrohre, traktiert; und dazu ein mysteriöser
Gesang, der so ähnlich klingt wie.. "Der Pfeifen lungerte der Hund".
Plötzlich, mittendrin, hat sie sich aufgelöst: die vor allem in
Deutschland so außerordentlich scharf bewachte Grenze zwischen der
U- und der E-Musik.
Klaus Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher denunzieren ihre Kollegen nicht.
Sie haben sich lange genug in den verschiedensten musikalischen Genres herumgetrieben,
sie kennen die Probleme des Metiers, auch den täglichen Kampf mit dem
Instrument. "An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich haue auf einen
Pappkarton", sagt Schlagzeuger Huber, und Saxophonist Wilmanns erklärt:
"Es ist wichtig, das Instrument so klingen zu lassen, wie es will. Das will
nämlich nicht immer so wie ich." Ein Plektrum könnte auch ein eßbarer
Kartoffelchip sein, bei einem Bläser ist das wichtigste zweifellos das
Luftholen.
Anfangs hieß dies musikalische Narrenschiff noch Collegium Ars Vitalis.
Mit den Jahren blieb das Collegium weg, die absurd-abgehobene Verschrobenheit
der drei ist geblieben. Auch ihr neues, in Köln uraufgeführtes Programm
"Eher Muzik als Theater" ist ein Trip durch die Höhen und Tiefen der
Klangwelt, egal ob als Sprachmusik oder als Musiksprache. Musik ohne Gesten,
Blicke oder Worte, ohne Bilder oder Bezüge ist tatsächlich etwas
sehr Ernstes. An diesem Abend aber geht sie mit dem Lachen eine göttliche
Liaison ein.
Worüber lacht man? Normalerweise über musikalische Unfälle,
über unabsichtlich falsch Gespieltes oder etwa darüber, wie sich
die Familie alle Jahre wieder an zwei oder drei Weihnachtsliedern vergreift.
Verballhornungen, Verfremdungen oder musikalische Satiren, jede subtilere
und abstraktere Form von musikalischem Witz erfordern nämlich ein gehöriges
Quantum Selbstironie; außerdem eine tiefe Liebe zur Musik, die Kenntnis
dessen, was vorher war, und den virtuosen Umgang mit dem Material. Genau
das ist seit über zehn Jahren die Grundlage von Ars Vitalis.
Umgeben von einem allgegenwärtigen Swingflair, fangen sie umherirrende
Partikel ein, spielen sie Monk und Mingus, die Tiere des Jazz (wie sie diese
Musiker nennen), zitieren sie die Residents, Jandl, Chicago und Aqsak Maboul,
die Schnulze "1 love Paris" oder Eartha Kitts Song "Uskedara". Und spielen
dabei immer nur sich selbst. Das Licht der betagten Scheinwerfer zeichnet
Kontraste wie im Stummfilm und verstärkt den Charme der Vergänglichkeit
der drei Herren. Wie eine gemeinsam erfolglos gealterte Combo stehen sie auf
der Bühne, als professionelle Falschspieler, denen das Leben schwer zu
gesetzt hat. War der Witz eben noch zart und subtil, so kann er im nächsten
Moment mitten in einem Kalauer landen oder schwere H-Schlagseite kriegen:
"Hund nhun hein Hedicht hon Hilelm Husch". Stillos? Aber nein! Die Schnulzen
sind gefühlsecht, der Jazz ist inbrünstig. Miles Davis' "Scetches
of Spain" beispielsweise ist so dynamisch, wie es das Original nie war: Vom
Überblasen zum Spiel ohne Ton reicht die Kunst der drei.
Huber, der verwilderte Bayer, ist ein stoischer Trotzvogel: Er übt sich
im innehalten. Vor jedem Schlag scheint er zu überlegen, auf welche
seiner Trommeln er nun draufhauen soll. Sacher, ein Cocktail-Gitarrist Marke
sechziger Jahre, trägt die ganze Grandezza des gescheiterten Virtuosen
in sich. Er ist der reife Künstlerapfel, der noch nicht von der Bühne
fallen will, mißtrauisch und leicht diabolisch. Wilmanns dagegen wechselt
die Rollen; er ist mal altmodischer Verführer, mal aal glatter Studiomusiker,
abschätziger Musikprofessor oder der völlig introvertierte Jazzer
mit dem kölschen Akzent.
Wie Standbilder einer verlorenen Zeit, in der es noch auf das Detail ankam,
stehen sie selbstversunken auf der Bühne, beschäftigt mit den wenigen
Utensilien, die vorhanden sind. "Wieseseensensenix." Die Dialoge und Texte,
sprachverkordelt und aus Mißverständnissen geboren oder in miserablem
Englisch und Französisch, wandern so lange von einem Mund zum andern,
bis sich göttliche Wortspiele daraus erheben: Geschichten, die so noch
niemand erzählt hat. Diese Buchstahenorgien und Satzsalate sind mit
dem Verweis auf Dada nur teilweise beschrieben. Huber, Sacher und Wilmanns
haben das Urbrummen zu einer Hochform entwickelt. Sie reden miteinander wie
drei, die noch nicht richtig sprechen können. Sätze werden zu Luftschlangen,
Worte zu Würfeln, die durch den Raum kullern. Jede Geste, jeder Satz,
jeder Ton findet seine Nische, nur das Publikum scheint fehl am Platze. Es
sitzt im Saal und ist doch nicht vorhanden. Seltsamerweise nimmt es den drei
ulkigen, einsamen, langsamen Männern diesen Affront aber nicht übel.
Im Gegenteil: Es lacht.
Die drei von Ars Vitalis lachen nie, sie lächeln nicht einmal. Es ist
die Konsequenz, die große Ernsthaftigkeit selbst in der plattesten Pointe,
die Wirkung zeigt. Warum ihre Darbietung so perfekt funktioniert, daß
sie 1996 sogar den Kleinkunstpreis gewannen, dafür haben sie inzwischen
auch eine einfache Erklärung: "Wenn es uns gefällt; wenn das unser
Humor ist, dann ist das auch Humor fürs Publikum, das haben wir mit
der Zeit herausgefunden. Als wär das etwas Objektives, als wäre
das so was wie ein Gegenstand, für den man keine Spezialbrillen braucht."
Kompromisse werden nicht gemacht. Auch das Nichtgesagte, Nichtgespielte hat
seinen Platz. Herr Sacher kennt noch eine Geheimformel, sie lautet: "Die
Pausen gehören zwingend zur Musik."
BY WAYNE GABEL
Staff Writer
The sometimes surrealistic world of Ars Vitalis is not an easy one to describe,
but it's one that's always full of humor and a bit of chaos.
With performances that routinely cross the boundaries between music and theater,
it's often difficult to tell which side of the fence the German trio is on
at any given moment.
The title of 'Ars Vitalis' current program, "Eher Musik als Theater" (More
Music than Theater), would seem to settle the matter, but translations of
the group's Latin name offer other clues.
"There are several explanatons," guitarist Buddy Sacher told the Mainichi
Daily News in a telephone interview prior to the group's Tokyo shows. "One
is 'the art of living', and the other is 'living art'."
Needless to say, this is art that is very much alive. Sacher and his colleagues,
clarinetist/saxophonist Peter Wilmanns and drummer Klaus D. Huber, draw on
the traditions of jazz, folk and classical music, then fuse them with elements
of European cabaret to create an atmosphere in which sound has to be seen
as well as heard and a place where language is more melodious than intelligible.
Against a backdrop of sheets that wrap the stage in a Christo-like fashion,
the Leverkusen-based trio move from musical genre to genre while bathed in
what Sacher deseribes as some deliberately unflattering lighting.
Although all three are proficient musicians in the traditional sense, some
of their instruments are decidely untraditional. Toy pianos and organs, garden
hoses, balloons, bits of paper, and even a tablet dissolving in a glass of
water all contribute to the songs and stories of Ars Vitalis.
"We tell stories with musical characters. We try to play them with our instruments",
Sacher explained.
Audiences in Japan, however, will have to make do without some of the spoken-word
pieces that usually feature in the group's performances. The liberties that
Sacher and company take with the language might be lost on the non-German-speaking
public.
"Even in Germany, not all people understand our kind of language", he said.
"We play with language like we play with music."
Their visual presentation, on the other hand, crosses borders more easily.
They've done their cultural homework, too. Now on their first tour of Japan,
Ars Vitalis had their Kansai audiences in hysterics with a physical haiku
that defies the abilities of most humans.
Live is a Musikabarett, my friend
By Mikiko Miyakawa
Daily Yomiuri Staff Writer
With just their faces standing out in the dark, spotlit by several lights
from below, two middle-aged men clad in dark suits slowly slunk out onto the
stage with awkward motions that made the audience burst into laughter.
After the third man had eventually made his way onto the stage, the trio
started playing music.
Are they musicians or comedians? Both! The German trio Ars Vitalis blurs
the boundary between music and comic theater.
But Ars Vitalis members, Klaus Huber, Buddy Sacher and Peter Wilmanns are
excellent musicians. Huber is a drummer, Sacher is a guitarist and Wilmanns
plays the saxophone and the clarinet. Their repertoire is broad-from classical
to rock and jazz pieces. But the three are not only skilled at playing such
conventional musical instruments. What knocks you out is their ability to
turn anything - even a piece of paper or children's toys - into instruments
on which they can play music.
Their group's name - Ars Vitalis - means "lively art" in Latin. They are
also known as the so-called "Kabarettisten," or actors who perform on a stage
called "Kabarett." Though some German-English dictionaries translate Kabarett
into cabaret, the concept of the two words are significantly different. Kabarett
is more like a "literary" vaudeville theater.
Kabarett theater works are usually full of satire and sarcasm pointed at
politicians and other celebrities, and puts high emphasis on dialogue. Ars
Vitalis' performance is dubbed "Musikkabarett," or a combination of music
and Kabarett.
The Japan tour that was kicked off last week in Kobe was the first performance
outside of Europe for the group based in Leverkusen, a small city near Cologne,
central Germany. Isse Ogata, a Japanese comedian-actor whose reputation is
based on his solo performances, was fascinated with the group and decided
to invite them to Japan. Ogata himself has performed in other countries,
including Germany and the United States.
"I was very nervous because I was not sure how the Japanese audience would
respond to our performance," said Huber after their first performance last
week in Kobe. "But I was relieved. Their response was excellent." He said
he was particularly pleased that the audience seemed to concentrate on their
performance, adding that German audiences are not so attentive.
Their performance in Japan deliberately contains more music than dialogue,
in consideration of the language barrier between the performers and the audience,
according to Huber. Despite their concerns, the audience seemed somehow to
get their verbal messages through motions, even when they were speaking "nonsense"
German.
The three, all in their 40s, met when they were around 20 years old, and
formed Ars Vitalis 15 years ago. They said the secret to maintaining a good
relationship with each other is in the number of the members of the group.
"If there are three, two are always right and one is wrong," Sacher quipped.
The group received the Deutscher Kleinkunstpreis (German vaudeville prize)
in the vaudeville division, and judges praised the three men as "strange
clowns and at the same time excellent musicians."
"Comical seriousness" is what the trio intends to create on the stage, Huber
said.